Neuenkirchen Recital May 21 2010

Bramscher Nachrichten 25.05.2010
-

Die Klangwelt barocker Cembalokunst

Von Ludger Rehm
Neuenkirchen i.O.
Liebhaber alter Tasteninstrumente konnten am vergangenen Freitagabend in der Apostelkirche Neuenkirchen eintauchen in die Klangwelt barocker Cembalokunst. Mit dem Niederländer Siebe Henstra ist ein international hochkarätiger Cembalist eingeladen, dessen Namen zu Recht in einem Zuge mit den ersten ihres Faches, Bob van Asperen, Ton Koopmann oder Gustav Leonhard, genannt wird.

Das temperatursensible Cembalo stimmte Siebe Henstra in der Konzertpause nach. Foto: Ludger Rehm
Das temperatursensible Cembalo stimmte Siebe Henstra in der Konzertpause nach. Foto: Ludger Rehm

Auch das Programm, das Henstra für seinen eigens mitgebrachten historischen Nachbau eines flämischen, aufwändig verzierten und zweimanualigem Ruckers-Cembalo (Antwerpen 1638) zusammengestellt hat, ließ keine Wünsche offen.

Es beginnt mit den vollgriffigen Akkorden, majestätisch durchlaufenden Basslinien und virtuosem Spielwerk auf gekoppelten Manualen des „Ballo del Granduca“ des noch mit einem Bein in der Renaissance stehenden Jan Pieterzoon Sweelinck. Dessen „Pavana Lachrymae“, ein fast schon empfindsames, vom steten Wechsel rezitativischer und arioser Passagen gekennzeichneter Klagegesang, zeigt die andere Seite des unter den Händen von Siebe Henstra erstaunlich modulationsfähigen Instruments. Nach einer hochvirtuosen Toccata mit aberwitzigem Figurenwerk und kraftvollen Bassakkorden zeigt sich Henstra insbesondere in der Allemande und der Sarabanda aus der Suite II von Johann Jakob Froberger als Meister der kleinen Verzögerungen.

Da beim Cembalo der Druck auf die Tasten auf einen Federkiel weitergeleitet wird, der die Saiten anzupft, hat das Instrument keine Möglichkeit, zwischen gebundenem und gestoßenem Anschlag, zwischen staccato und legato zu unterscheiden, und auch die dynamische Bandbreite kennt nur den Wechsel zwischen ein-, zwei- oder mehrchörig angezupften Tönen, also zwischen Acht- und Vier-Fuß-Registern und deren Koppelungen. Insofern hängt der musikalische Ausdruck des Interpreten maßgeblich von seiner Zeitgestaltung und von der Agogik ab, das heißt von der Kunst, mal das Tempo zu forcieren, es mal zurückzunehmen, mal den Fluss der Töne zu stauchen, mal ihn zu hemmen, mal kleine, mal größere Verzögerungen anzubringen. Henstra kennt alle diese Möglichkeiten und nutzt sie zu einem teilweise ausgeprägt cantabel wirkenden Spiel, das auf diesem Instrument nur wenigen gelingt.

So wird auch Frobergers nachfolgendes „Affligé et Tombeau de Monsieur Blancrocher“ zu einem ausdrucksstarken, einsamen, fast schon improvisatorisch wirkenden Trauergesang mit harmonischen Kühnheiten, die Henstra geschickt herauszustellen vermag.

Als besonderes Highlight des Abends darf sicher auch die G-Dur-Sonate von Josph-Hector Fiocco gelten, eine Sonate auf der Schwelle zwischen spätbarocker Affektdarstellung und früher italienischer Empfindsamkeit. Henstra interpretiert die kontrastierenden, sich gegenseitig jagenden Sequenzierungen der schnellen Sätze mit einem rhythmischen Drive, der schon fast modern anmutet und beim Hörer ein Hochgefühl virtuoser Spielkunst auslöst.

Im zweiten Teil des Konzertes steht nach einem stark repetitiven, mit Fugatoteilen improvisatorisch versetzten Präludium von Georg Böhm Johann Sebastian Bachs sechste „Englische Suite“, BWV 811, im Mittelpunkt des Programms. Diese in jungen Jahren als Ausweis pianistischer Hochvirtuosität angelegte Abfolge von Tanzsätzen nimmt Henstra teilweise in frappant rasanten Tempi, teilweise zeigt er die hohe Kunst der ornamentalen Auszierung oder des verspielt Tänzerischen. Nach diesem Opus Magnum kann nur noch eine cantable, geradezu verträumt interpretierte Sarabande, ebenfalls von Bach, als Zugabe das Richtige sein. Das Konzert war als Meisterkonzert angekündigt, und in der Erfahrung, hier wirklich einen der großen Meister des Cembalospiels gehört zu haben, verlassen die Zuhörer das Konzert.

wladesign © 2008